
Erfolgs-Produzent Niesig ruft zum gemeinsamen Kampf gegen Illegale auf...
Exklusiv für hitPARADIES - Hermann Niesig (September 2011):
Ein nagelneuer Titel taucht, nur wenige Stunden nach der DJ-Promotion, direkt in einer Tauschbörse auf? Von der technischen Seite mal ganz abgesehen, wie geht so was?
Diese Frage beschäftigt mich seit einigen Tagen mehr denn je - aus aktuellem Anlass. Am letzten Freitag haben wir die neue Single „Seit ich ein Träumer bin“ von Matthias Carras in einem Bemusterungs-Pool bemustert und wenige Stunden später konnte man den Titel bereits illiegal herunterladen, bereitgestellt durch einen Discjockey. Und das ist kein Einzelfall, täglich werden unglaubliche Datenmengen illegal über das Internet verbreitet und mir stellt sich die Frage nach dem „Warum“! Dabei schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Zum einen das des Musikproduzenten, also desjenigen, der das wirtschaftliche Risiko einer jeden Produktion trägt, und das des Konsumenten, der hin und wieder mal ein Album oder eine Compilation erwirbt. Lassen wir alle Zahlen und Statistiken mal beiseite: Wer kauft heute noch Musik, oder – was für diesen Beitrag viel wichtiger ist - wer kauft sie sich nicht?
Es gibt eine Menge Vorurteile, nämlich sollen es die „Kiddies“ oder sogar „sowieso nur die Hartz IV Empfänger“ sein. Kann sein, aber schaue ich in meine nähere Umgebung, z.B. in meine Nachbarschaft, so laden sich da alle „Kiddies“ (alle zwischen 9 und 14 Jahre alt) ihre Musik aus dem Netz, ganz legal bei iTunes. Ein Geschenkgutschein der Eltern macht’s möglich. Und die, ich muss ehrlich zugeben wenigen, Hartz IV Empfänger die ich so kenne, tragen ihr eingeschränktes Einkommen lieber hin und wieder zum Elektronik-Fachhandel um sich eine CD zu kaufen. Warum gibt es also Menschen, die immer noch legal Musik einkaufen? Mit wenigen Klicks wäre die Musik in Sekunden gratis auf der heimischen Festplatte, oder? Die Antwort ist einfach: Aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Musik für lau laden ist nun mal Diebstahl! Aber warum laden sich dann so viele Menschen illegal Musik aus dem Netz? Nun, die Antwort ist noch einfacher: Weil sie dort angeboten wird. Gelegenheit macht nun mal bekanntlich Diebe und die Schmerzgrenze, so nenn’ ich sie jetzt mal, ist nicht bei jedem gleich hoch. Warum fährt auf der Autobahn fast jeder zu schnell? Weil man nicht alle, überall und jederzeit kontrollieren kann. Wir leben nun mal in Deutschland, einem Land mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten und einem frei zugänglichen WWW. Jeder kann, zu jeder Zeit, auf jeden Inhalt zugreifen – das ist Fluch und Segen zugleich. Ganz davon abgesehen weiß der runterladende Otto-Normal Bürger nicht, dass er sich schon durch den Besitz von Raubkopien strafbar macht. Zurück zum Problem: Ein neuer Titel landet nun, noch vor der offiziellen Veröffentlichung, im Netz.
Was ist zu tun? Soll man in Zukunft komplett auf die Bemusterung von Diskjockeys verzichten? Bei der Bemusterung des Rundfunks passieren deutlich weniger „Pannen“. Wohin führt die Spur? Wer ist verantwortlich? Wem kann man noch trauen? Schließlich schenkt man einem Discjockey, dem man mehrere Wochen vor der geplanten Veröffentlichung ein Kunstwerk (in das man Liebe, Zeit und Geld investiert hat) zur Verfügung stellt, sein Vertrauen. Der DJ soll den Titel möglichst oft einsetzen und ein Feedback zurückgeben. Es ist sogar vorgekommen, dass ich Titel noch in der letzten Minute geändert habe, weil DJs hilfreiche Tipps hatten. Warum also geht ein Verbrecher hin, meldet sich als DJ in mehreren Bemusterungsportalen an und lädt Promotionexemplare, die vertraulich behandelt werden sollten, illegal ins Netz? Ich habe mich vor einigen Wochen mit dem Ermittlungsleiter der größten Firma zur Bekämpfung von Online-Piraterie weltweit unterhalten. Er hat schon viele Musik- und Video-Piraten hinter Gitter gebracht, kennt sich also bestens aus. Auf meine Frage nach dem Warum nahm er einen Zettel, einen Stift und hat mir anschaulich erklärt, wie das so funktioniert mit den Tauschbörsen und den Download-Websites. Wen mag es jetzt also überraschen wenn ich sage, dass es, wie immer, nur ums liebe Geld geht. Ein gut organisierter Musik-Pirat macht sich zwar strafbar, aber dafür ordentlich die Taschen voll – Und das nicht zu knapp, mit jedem einzelnen Download.
Geklaute Ware verkaufen? Richtig, das ist Hehlerei. Auf Diebstahl und Hehlerei gibt es was? Auch Richtig, hohe Geldstrafen und/oder Gefängnis. Ich höre, wenn ich das Thema in der Branche anschneide, irgendwann immer die gleiche Aussage: „Das bringt doch nichts sich jetzt darüber aufzuregen“. Manche sprechen sogar von dem berühmten „Kampf gegen Windmühlen“. Ich als Produzent sehe das, welch Überraschung, ein wenig anders. Doch wem wird jetzt eigentlich geschadet? Den Künstlern? Den Plattenfirmen? Den Produzenten? Ich sage: Allen! Unterhalte ich mich mit Konsumenten, also Menschen die Musik hören aber sonst nichts mit der Musikbranche zu tun haben, höre ich Sätze, wie: „Die Künstler haben doch genug Kohle!“ oder „Die Plattenfirmen kalkulieren diese Verluste mit ein.“ Ja und Nein. Natürlich kompensieren die erfolgreichen Künstler, das sind im Party- & Pop-Schlager vielleicht eine Hand voll, die Verluste der überschaubaren Plattenverkäufe durch Live-Auftritte. Auf der Bühne zu stehen und 300 Auftritte im Jahr zu meistern ist ein Knochenjob - da darf man sich, völlig zu Recht, auch mal einen Sportwagen leisten.
Und die Plattenfirmen? Was ist denn aus den ganz großen Plattenfirmen geworden? Die Verkaufszahlen sahen vor 10 Jahren noch ganz anders aus und man kann heute froh sein, wenn ein Label überhaupt noch in neue, innovative und mutige Produkte investiert. Der illegale Download trifft letzten Endes den Konsumenten! Es kostet, nach wie vor, viel Geld einen Titel zu produzieren und zu veröffentlichen. Okay, hier werden die Meinungen jetzt auch weit auseinander gehen. Natürlich kann man super-günstig im Home-Studio produzieren und den Song dann irgendwie, irgendwo digital veröffentlichen, aber Hand auf’s Herz: Klingt es richtig amtlich? Und ohne vernünftige Promotion (da reicht es nicht den Titel an 100 Internetradios mit jeweils 5 Hörern zu schicken) weiß kein Mensch, dass es den Titel überhaupt zu kaufen gibt. Noch komplexer wird das Thema, wenn Tonträger im Handel stehen sollen. Das ist nun mal Aufgabe einer Plattenfirma, mit Vertrieb und Promotern, und das kostet Geld. Geld, das fehlt wenn keine Platten mehr gekauft werden.
Alle schreien nach mehr Qualität, bessere und neuere Sounds, aber wenn nicht bald das Ruder herumgerissen wird, müssen sich die Verbraucher – auch die DJs – demnächst nur noch mit billigem Einheitsbrei von Hobbyproduzenten zufrieden geben, weil kein Produzent mehr Geld in wirklich gute Produkte investiert. Dieser Trend ist doch jetzt schon zu erkennen und das ist traurig genug. Ich habe den „heiligen Gral“, der die Musikindustrie rettet, noch nicht gefunden, aber einer muss anfangen sich gegen die Piraterie zu wehren. Auf Promotion verzichten geht nicht, aber in Zukunft werden wir darauf achten wen wir bemustern. Wer negativ auffällt, wird nicht mehr bemustert. Weltweit sind die Diebstähle in den Kaufhäusern ab dem Tag zurückgegangen, seitdem Überwachungskameras und elektronische Ausgangskontrollen eingesetzt wurden. Daher werden wir technische Lösungen, die es bereits zur Überwachung des Contents gibt, fördern und einsetzen. In einem Land, in dem es die Bundesregierung noch nicht einmal schafft Internetseiten mit kinderpornographischem Inhalt zu sperren, sind wir leider noch weit weg von einer schnellen Lösung des Problems. Wir werden jeden Fall von illegaler Verbreitung meiner Produktionen zur Anzeige bringen - bis hin zum Haftbefehl.
Ich bin jedem einzelnen DJ dankbar für die Unterstützung bei der Vermarktung unserer Produkte, aber das Leben ist ein Geben und Nehmen. Jeder, der das Vertrauen von uns Produzenten ausnutzt, spielt unfair und schadet dem Ruf des jeweiligen Bemusterungs-Pools. Lasst uns gemeinsam, nicht gegeneinander arbeiten. Danke für’s „Zuhören“, Hermann Niesig


